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Ansbach, 11. September 2026: „S€x“ (wahlweise auch „Seggs“, „$ex“ oder „$€x“), „unalived“, „Corn“ statt Porno, „le$bisch“, Bull€mie, Vergew@ltigung oder zweideutige Auberginen-Emojis: Wer sich dieser Tage auf Plattformen wie TikTok, Instagram und Konsorten bewegt, wird mehr als einmal über die seltsamen Begrifflichkeiten gestolpert sein. Was auf den ersten Blick wie Slang oder Jugendsprache anmutet, dient in Wirklichkeit einem ganz bestimmten Zweck. Bei den Wortneuschöpfungen handelt es sich nämlich um das Phänomen „Algospeak“, welches längst zum Alltag der Nutzer in sozialen Netzwerken gehört.
Was steckt hinter Algospeak?
Der Begriff Algospeak setzt sich aus den Wörtern Algorithmus und Speak (englisch: Sprech) zusammen und wird genutzt, um sogenannte „Shadow Bans“ zu vermeiden. Hierbei schränken Social-Media-Plattformen mittels Algorithmen die Reichweite von Beiträgen ein, wenn sie darin schädliche Inhalte vermuten. Um den Reichweitenverlust zu verhindern, wird deshalb immer wieder die Verfremdung bestimmter Wörter genutzt.
Kritisch zu betrachten sind diese Einschränkungen, wenn auch Inhalte zensiert werden, die eigentlich nicht gegen die Richtlinien der jeweiligen Plattform verstoßen. So sind auch immer wieder Beiträge betroffen, die sich beispielsweise mit psychischer Gesundheit oder LGBTQ-Themen auseinandersetzen. Bizarr wird es, wenn nicht einmal mehr der Tod einer Person thematisiert werden kann, und deshalb von „unalived“ gesprochen wird.
Speziell bei TikTok fällt das strenge Reglement auf. Eine Recherche der Tagesschau aus dem Jahr 2022 ergab, dass die Plattform zu diesem Zeitpunkt über 70 Begriffe in ihren Kommentarsektionen verbarg. Darunter befanden sich auch Begriffe wie „Ausschwitz“, „Sex“, „Prostitution“, „Homo“ und „Drogen“. Besonders brisant: Auch Kommentare mit dem Namen der Tennis-Spielerin Peng Shuai wurden eingeschränkt. Diese hatte dem ehemaligen chinesischen Vize-Premierminister Zhang Gaoli im Jahr 2021 sexuellen Missbrauch vorgeworfen.
Algospeak als Codewörter in extremistischen Milieus
Algospeak ermöglicht Nutzern also in erster Linie, den willkürlichen Regeln der Netzwerke zum Trotz frei über alle Themen sprechen zu können. Die Geheimsprache wird jedoch auch zur Kommunikation in extremistischen Milieus genutzt.
Hier dienen unter anderem vermeintlich harmlose Emojis als „Dog Whistles“. Das sind Codes, um sich unter Gleichgesinnten zu erkennen zu geben. So stehen zwei Blitz-Emojis beispielsweise für die Abkürzung SS, also der Schutzstaffel aus dem Dritten Reich. Unter Beiträgen mit Holocaust-Überlebenden finden sich widerliche Kommentare mit Duschköpfen. Rote Dreiecke und Melonen-Emojis hingegen erfreuen sich großer Beliebtheit unter Israel-Hassern, Hamas-Sympathisanten und Antisemiten. Verschlüsselte Sprache wird dann genutzt, um extreme Ideologien ungehindert verbreiten zu können.
Bei den Kriterien, nach denen die sozialen Netzwerke filtern, herrscht bislang wenig Transparenz. Das führt dazu, dass auch Begriffe in Algospeak geschrieben werden, die eigentlich völlig harmlos sind. Für die Plattformbetreiber ist die Einschränkung ein schmaler Grat zwischen dem Kampf gegen Hassrede und der Einschränkung von Meinungsfreiheit.