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Mit einer Eins vorm Komma

14 Patienten der Klinik für Forensische Psychiatrie erwerben Mittelschulabschluss

Ansbach, 09. Juni 2023 – 14 Patienten der Klinik für Forensische Psychiatrie am Bezirksklinikum Ansbach holten in diesem Jahr ihren Mittelschulabschluss nach. Der Notendurchschnitt: 1,3. Ein hervorragendes Ergebnis – und ein wichtiger Schritt in ein neues Leben.

Zeugnisfeier in der Turnhalle der Klinik für Forensische Psychiatrie: Ein junger Patient ist stolz auf seine Eins vorm Komma: „Ich will auf jeden Fall weitermachen, auch die Mittlere Reife erwerben. Wenn ich draußen bin, suche ich eine Ausbildung zum Gastronomiekoch.“ Ein älterer Mann mit dichtem Vollbart sagt: „Ich will jetzt den Quali schaffen und ein gutes Vorbild für meine Kinder sein.“ Auch er würde sich über eine Ausbildungsstelle oder eine gute Arbeit nach der Therapie in der Forensik freuen. „Ich habe diese Gelegenheit genutzt, um gut Deutsch zu lernen“, erklärt ein Dritter. „Jetzt werde ich meine Ziele verfolgen und Schritt für Schritt in ein normales Leben gehen.“

14 Menschen,14 Geschichten und 14 Erwartungen an die Zukunft. Doch in einem Punkt sind sich die Schüler einig: Sie sind stolz auf ihr Zeugnis und möchten mehr aus ihrem Leben machen. Die Chancen steigen mit einem Abschluss.

„Der Erwerb eines Schulabschlusses gehört zu den wichtigen Kriterien für eine erfolgreiche Resozialisierung“, sagt Prof. Dr. S. Stübner, Leiterin des Maßregelvollzugs am Bezirksklinikum Ansbach. „Die Absolventen können jetzt eine weiterführende Schule besuchen und haben bessere Chancen, einen Job zu finden. Mit dem Abschluss zeigen sie außerdem, dass sie ihre Zeit sinnvoll nutzen, durchhalten, sich konzentrieren und einer Prüfung stellen können.“ Das alles seien nicht nur Voraussetzungen für ein gutes Zeugnis, sondern wichtige Bausteine für ein bürgerliches Leben, fährt Prof. Dr. Stübner fort.

Leben nach dem Aufenthalt in der Forensik

Die 14 Patienten sind zwischen 20 und 47 Jahre alt. Sie wurden im Zusammenhang mit einer psychischen Erkrankung oder Suchterkrankung straffällig – auf Weisung des Gerichts werden sie jetzt in einer Klinik für Forensik behandelt. Viele von ihnen brachen die Schule ab. Sie haben nie die Erfahrungen gemacht, ausdauernd zu lernen und zielstrebig an ihrem Abschluss zu arbeiten. Die guten Noten bestätigen die Männer jetzt und stärken ihr Selbstwertgefühl. Sie zeigen, dass sich Leistung lohnt und dass sie es schaffen können.

Gerhard Sonnenleiter, Lehrer am Bezirksklinikum Ansbach, hat die Schüler auf dem Weg zum Schulabschluss betreut. Er freut sich mit ihnen über die hervorragenden Ergebnisse: „Die Patienten haben in den vergangenen drei Monaten die gesamten Lerninhalte der 9. Klasse Mittelschule nachgeholt – also Wissen, für das Schülerinnen und Schüler außerhalb der Forensik ein ganzes Jahr Zeit haben. Das erfordert viel Disziplin und Eigeninitiative.“ Sie lernten dabei nicht nur für die Schule, sondern fürs Leben. „Wir bringen ihnen nicht nur klassisches Schulwissen in Deutsch, Wirtschaft oder Mathematik bei“, sagt Gerhard Sonnenleiter. „Sie erhalten bei uns auch viele alltagsrelevante Kenntnisse. Zum Beispiel: Wie schreibe ich eine Bewerbung, finde eine Wohnung oder schließe eine Versicherung ab?“

Kooperation mit der Mittelschule Dietenhofen

Für die Abschlüsse kooperiert die Klinik für Forensische Psychiatrie mit der Mittelschule Dietenhofen. Die 14 Schüler erhielten die gleichen Prüfungen wie ihre Kolleginnen und Kollegen im Klassenzimmer, nur dass sie diese innerhalb der Klinik ablegen mussten. „Ich danke der Mittelschule Dietenhofen für die gute Zusammenarbeit“, sagt Prof. Dr. S. Stübner. „Den 14 Patienten gratuliere ich herzlich zu diesem guten Ergebnis. Mit dem Abschluss haben sie den Grundstein für eine berufliche Karriere nach der Therapie gelegt.“

Quelle: Pressemitteilung, Bezirkskliniken Mittelfranken