Massenanfall von Verletzten trainiert

Erstmals können Schockraumteams digital ihre Abläufe und Maßnahmen simulieren

Ansbach, 13. Februar 2026 – In einem Ansbacher Supermarkt hat es gerade einen Schusswechsel infolge eines Amoklaufs gegeben; 15 Patienten werden innerhalb kurzer Zeit ins ANregiomed-Klinikum Ansbach eingeliefert. Das ist die Ausgangssituation gewesen bei einer digital gesteuerten Simulation, der sich die Notfall-Ärzte und -Pflegekräfte kürzlich stellen mussten.

Auch andere Szenarien wären bei einer solchen Simulation denkbar: Was passiert, wenn viele Menschen bei einem Großfeuer wie in Grans-Montana oder bei einer Massenkarambolage auf der Autobahn, bei einem Terrorakt, einem Zug- oder Busunfall oder infolge einer Explosion in einem Industriebetrieb verletzt werden und von Rettungsdiensten im Minutenrhythmus ins Klinikum Ansbach eingeliefert werden? Wie professionell laufen die Erstversorgungen, die Schmerzbehandlungen in den Schockräumen ab? Wer hat dann welche Aufgaben? Wie lange dauert welche Maßnahme? Wie greifen die einzelnen Hilfen ineinander?

Das schnelle und effektive Teamverhalten bei einem solchen Massenanfall von Verletzten (MAN-Übung) konnten die zuständigen Ärzte und Pflegekräfte erstmals komplett digital simuliert üben und erleben. Denn das Programm ist noch in der Entwicklung und wurde erstmals bundesweit außerhalb des Entwicklungskonsortiums an einem Klinikum getestet. Insofern halfen die Notfallteams in Ansbach auch den Forschern und Systembeteiligten.

Vor der sich ständig ändernden Situation mussten sie gemeinsam am Computer entscheiden und handeln, um die außergewöhnlich dramatische Situation mit einem möglichst guten Ergebnis für die angenommenen verletzten Menschen zu meistern. Dabei erlebten sie, wie Avatare mit sichtbaren Verletzungen von Rettungsdiensten eingeliefert wurden, wobei sie entscheiden mussten, wer, wie und mit welcher Dringlichkeit versorgt wird. Dieses simulierte Vorgehen erspart Aufwand und Kosten gegenüber einer realen Simulation mit echten Menschen, die jeweils einen Verletzten mit geschminkten Wunden darstellen, und mit dem tatsächlichen Einsatz in der Zentralen Notaufnahme (ZNA).

„Hier trainieren wir im Echtzeitverlauf die Sichtung, Ersteinschätzung bzw. Triagierung von Patienten, die zwar nur digital bluten. Aber die Schockraumteams müssen die gleichen Entscheidungen treffen wie in der Wirklichkeit. Das sind natürlich außergewöhnliche Anspannungen und Stresssituationen, in denen es aufs perfekte Teamverhalten ankommt“, erläutert Dr. Tobias Hübner, Chefarzt der ZNA. Sein Kollege Dr. Wolfgang Hilpert, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und Intensivmedizin, ergänzt: „Digital simulierte Übungen haben den großen Vorteil, dass sie jederzeit und beliebig oft eingesetzt werden können. Somit können viele Mitarbeiter mit überschaubarem Ressourceneinsatz wiederholt trainieren und an Routine gewinnen. Weiterhin können wir zu einem späteren Zeitpunkt im Vergleich die beste Einsatztaktik in unserer Klinik finden.“

Jedes der beiden Teams bestand aus fünf Mitgliedern: zwei Ärzten, zwei spezialisierten Pflegekräften und einem zentralen operativen Notfallkoordinator (ZONK). Die Teams spielen unabhängig voneinander die gleiche Situation durch: die gleichen Patienten in der gleichen Geschwindigkeit mit den gleichen Verletzungen, den gleichen Vorgaben und Beschreibungen der einliefernden Rettungsteams und den gleichen Zuständen und Reaktionen der verletzten Menschen. Ein fachkundiger „Beobachter“ registriert zusätzlich als sechste Person die Arbeit des jeweiligen Fünferteams. Die Simulationen verlaufen genauso, wie Studien über die internationalen Erfahrungen in den jeweiligen Ausnahmesituationen ergeben haben.

„Solche Ereignisse haben wir etwa alle fünf Jahre ein- bis zweimal. Deshalb ist es sinnvoll, so etwas jährlich mindestens einmal zu üben. Wobei die Digitalsimulation keine Live-Übung ersetzt, aber trotzdem für die Qualität und die Professionalität unserer Arbeit wichtig ist“, erläutert Hilpert.

Reale Übungen kosten etwa 50.000 Euro. Der Aufwand hier belief sich dagegen nur auf die Arbeitszeit der Teilnehmenden. Denn das Projekt wird gefördert vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt. Zu den weiteren beteiligten Organisationen des Projektes namens „Digitale Dynamische Patienten- und Lagesimulation“ (D2PuLs, https://d2puls.de/) zählen die Technische Hochschule Würzburg-Schweinfurt, der Malteser Hilfsdienst, das Klinikum Nürnberg und der Software-Entwickler nVista technologies aus Nürnberg.

Quelle: Pressemitteilung, ANregiomed