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Arbeiten mit Menschen mit Behinderung in der Corona-Krise

Ohne Nähe geht es einfach nicht

Neuendettelsau – 03.04.2020 – Lagerkoller, Hausaufgabenstress, Zukunftssorgen – uns alle treffen die Einschränkungen, um die Corona-Pandemie abzumildern. Doch wie erklärt man Menschen mit einer geistigen Behinderung, warum wir zurzeit nicht einfach draußen spielen oder in die Arbeit gehen dürfen? Neben Krankenschwestern und Altenpflegerinnen haben auch die Mitarbeiter von Behinderteneinrichtungen zurzeit einen verdammt harten Job.

Eine Einrichtung von Diakoneo trotzt Corona | Foto: Mathias Neigenfind

300 Menschen mit Behinderungen leben in 33 Wohngruppen in Neuendettelsau – vom Säugling bis zum Senior. Es sind Menschen mit geistiger oder Mehrfachbehinderungen, mit körperlichen oder psychischen Einschränkungen. Diakoneo bietet eine heilpädagogische Eingliederungshilfe, damit diese Menschen so weit wie möglich am normalen Leben teilnehmen können. Doch was ist schon normal in Zeiten von Corona?

Rene reichelt ist einrichtungsleiter bei Diakoneo in Neuendettelsau | Foto Mathias Neigenfind

„Kein Bewohner kann mehr in die Werkstatt gehen, kein Kind kann mehr in die Schule gehen, es gibt kein kulturelles Leben mehr, wie Kino oder Sport. Von daher muss das alles von den Gruppenmitarbeitern auf der Gruppe aufgefangen werden. Eine Betreuung rund um die Uhr.“ René Reinelt ist der Einrichtungsleiter und macht sich große Sorgen. Das wichtigste für seine Bewohner ist eigentlich eine feste Tagesstruktur, doch die gibt es nun nicht mehr. Und auch der geforderte Sicherheitsabstand von 1,50 Meter ist schwierig. „In vielen, vor allem therapeutischen Einheiten, wird durch Körpernähe und nicht durch Distanz ein Vertrauensverhältnis aufgebaut. Darauf bauen die Weiterentwicklung und Förderung auf“, erklärt Reinelt. „Dieses Vertrauensverhältnis und die Nähe sind ganz, ganz wichtig für unsere Arbeit.“ Die Menschen in den Wohngruppen, gerade die Kleinstkinder und Senioren, brauchen die Nähe zu den Mitarbeitern und den engen Kontakt zu den anderen Bewohnern. Sie sind es gewohnt – das gibt ihnen Sicherheit. „Wenn Sie den Bewohnern nun verständlich machen wollen, dass man jetzt Abstand halten, regelmäßig Hände waschen und vielleicht auch noch einen Mundschutz tragen soll, dann sind das die Dinge, welche man eigentlich langsam anbahnen muss, um gerade dieses enge Verhältnis nicht zu verlieren“, erklärt der Einrichtungsleiter. Doch diese Zeit hat im Moment eigentlich niemand.

Zur Zeit stehen auch bei Diakoneo alle Fahrzeuge still | Foto: Mathias Neigenfind

Natürlich sind alle Wohngruppen derzeit abgeriegelt, auch hier gilt das Besuchsverbot, keiner kommt rein oder raus. Das macht es für alle schwer. Kontakte gibt es nur innerhalb der Wohngruppe – quasi, wie in jeder anderen Familie. Auch die Therapeuten sind jetzt fest einer Wohngruppe zugeordnet, damit sie mögliche Keime nicht von Haus zu Haus tragen. Und so ist wenigstens etwas von der nötigen Nähe innerhalb der einzelnen Gruppen möglich. Reinelt macht sich trotzdem Sorgen, wie die Bewohner diese extrem schwierige Zeit überstehen. „Ab und zu bekomme ich Anrufe von Bewohnern aus den Wohngruppen, die mir dann mitteilen, dass es ihnen gut geht. Es sei zwar schwierig für sie die Situation auszuhalten, aber unter den gegeben sehr, sehr schwierigen Umständen sei alles gut und es läuft zufriedenstellend. Das freut mich dann und berührt mich sehr.“

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